MARKUSPASSION

Rolf Ziebolz
Meine Gedanken zu dieser Passion

Der St. Laurentiuschor hat in dieser Kirche die „Markus-Passion“ bereits 1987 aufgeführt. Sie ist bis heute bei mir und auch bei denen, die dabei waren, in Erinnerung geblieben. Die Zuhörerinnen und Zuhörer waren ergriffen. Auch heute wird uns die Leidensgeschichte sicherlich wieder tief berühren. Das bewirkt die Kraft der Musik.Wir (Christen) sind der Meinung das dramatische Geschehen vor mehr als 2000 Jahren allzu gut zu kennen - ein wichtiges Fundament des christlichen Glaubens. Aber gerade das häufige Anhören (z.B. in der Passionszeit) führt bei mir manchmal dazu, dass ich die immense Ungerechtigkeit, die Grausamkeit, das Menschenverachtende nicht mehr so stark empfinde. Musik hat hier eine wichtige Bedeutung und Funktion: sie ermöglicht ein anderes Hören, ja sogar ein intensives Miterleben. Keisers Musik zieht uns hinein, als wären wir unmittelbar dabei. Der Verrat, die Verachtung, das Verleugnen, die Verurteilung, das Leiden, die Geißelung, die grausame Kreuzigung – alle  Stationen der Passion – werden in dieser Musik nach meiner Überzeugung intensiver als in manch anderen Passionsmusiken an uns herangetragen. Das liegt wohl daran, dass Reinhard Keiser nicht viel Ablenkendes um das eigentliche Geschehen rankt, wie es sehr ausgedehnt z.B. in der „Matthäus-Passion“ von Bach geschieht. (Ich will nicht verkennen, dass die geniale Passion von Bach ein Kunstwerk ersten Ranges ist und uns aber anders berühren darf, uns in einen großen nachdenklichen Zusammenhang mit den Handelnden und uns versetzt.) Bei Keiser ist das viel schlichter: Er „zwingt“ uns geradezu, alles genau, beinahe realistisch zu erleben. Die Rezitative (Erzählerworte, Zitate des Evangelisten Markus) werden mit einfachen kompositorischen Mitteln interpretiert. Wo es durch den Text verschiedene handelnde Personen gibt, überträgt Keiser diese Worte einer anderen Stimme, eine Tradition, die bereits im Mittelalter angewandt wurde. Joh. Seb. Bach hat Keisers wirkungsvoll dichte Komposition offensichtlich sehr geschätzt, sonst hätte er nicht diese Passion mindestens drei mal selbst aufgeführt. Er übernahm sogar von Keiser die bedeutsame Idee, die Christusworte mit einem Streicherklang zu begleiten, während der Erzähltext des Evangelisten „secco“ („trocken“), lediglich durch kurze Akkorde begleitet wird. Keiser greift zu Kunstmitteln der „Affektenlehre“, aber auch zu Mitteln „theatralischer“ Kompositionstechnik. (z.B: falsche Anschuldigungen der Hohenpriester werden durch eine falsche Harmonie verdeutlicht; ein Zitat des Alten Testaments wird durch feierliches, „archaisches“ Begleiten gekennzeichnet...) Nur wenige „Unterbrechungen“ des Passionsgeschehens - Stellen des Innehaltens - gibt es in diesem Werk: eindrucksvolle Arien und Choräle, sie sind mit ihrem oft emotionalen Ausdruck im Kontext der damaligen Zeit (des Komponisten) zu verstehen. Vielleicht gelingt es heute, dass diese „klingende Geschichte des Leidens“ uns in diesen Tagen mit unglaublich schrecklichen und furchtbaren Geschehen besonders berührt.

 

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